Seit dem Massenmord am 2.Juli 1993 an Schriftstellern, Volksdichtern und Verlegern wird Sivas (türk.Stadt in Ost-Türkei) für Fanatismus und blindwütigen Glaubenseifer in der Türkei stehen.

Siebenunddreissig Menschen kamen in den Flammen um oder erstickten qualvoll, als islamische Eiferer das Hotel (Madimak) anzündeten, in dem die Besucher eines Festivals untergebracht waren.Sogar die Löscharbeiten haben sie verhindert ,damit keiner diesen Anschlag überlebt.Unter den Toten sind bekannte Volksdichter und Schriftsteller wie Asim Bezirci, Muhlis Akarsu und Hasret Gültekin und viele andere Menschen.

Begonnen hatte die Aktion offenbar nach dem Freitagsgebet in drei grossen
Moschen.Unklar ist jedoch,welche Rolle der Bürgermeister von Sivas (Mitglied der
fundamentalistischen "Refah Partei " Erbakans) gespielt hat. Nach Zeitungsberichten zu Folge,soll er sich als Einpeitscher betätigt haben. In Sivas,so heisst es,hätten schon seit Tagen Eiferer gegen den Schriftsteller Aziz Nesin, der ein Teil der "Satanischen Verse" von Salman Rushdi in einemr Zeitung veröffentlicht hat, Front gemacht und auf Flugblättern gegen ihn gehetzt. Viele in der Türkei und ausserhalb hatten geglaubt, dass es offiziell in der laizistischem Republik Atatürks so was unmöglich ist.Doch die Ereignisse von Sivas sind nur der grausige Höhepunkt einer Kette von religiös motivierten Gewalttaten,die schon vor Jahren mit dem Anschlag islamischer Fanatiker auf den Verfassungsrechtler Muammer Aksoy begannen und sich später in Attentaten gegen andere Laizisten niederschlugen. Die bekanntesten Opfer waren der Journalist Cetin Emec,die Politikerin Bahriye Ücok,der Schriftsteller Turan Dursun,der früher ein staatlich besoldeter Mufti gewesen ist,dann jedoch islamkritische Bücher geschrieben hat,und zuletzt de Journalist Ugur Mumcu. Das Progrom von Sivas kann in diese Reihe eingeordnet werden, der die Türkei an den Rand einer inneren Katstrophe gebracht hat.

Die türkischen Schriftsteller und Intellektuelle waren in Sivas zsammengekommen, um bei den PIR SULTAN ABDAL Feierlichkeiten teilzunehmen. Pir Sultan Abdal , der im 15./16. Jh. in dieser Stadt gelebt hat , ist einer der populärsten Volksdichter der Türkei.
In seinen lyrischen Versen verband er die Einheitslehre der islamischen Tasavvuf-Mystik mit alevitisch-heterodoxen Ansichten auf dem Felde der Politik, wie sie zuvor der berühmte Sufi Poet Yunus Emre und andere Volkssänger (Ozan)
thematisiert hatten.

Die Herrschaft der sunnitischen Osmanen-Sultane wurde in den ersten Jahrhunderten der osmanischen Geschichte immer wieder durch religiöse Bewegungen mit sozialem Hintergrund herausgefordert, die unter alevitischem Vorzeichen standen.

Politische und soziale Unzufriedenheit äusserten sich religiös. Bis heute existiert neben dem orthodexem Mehrheitsislam in der Türkei auch eine alevitische Hetero doxie, die als Alevitentum bezeichnet wird. Die Aleviten (Ali's Anhänger), die in osmanischer Zeit auch mit dem einflussreichen Dervischorden der Bektasi verbunden waren, haben immer die Schariat abgelehnt, das kanonische Gesetz des Islam,das die Eiferer wieder einführen wollen.Da die Aleviten eine freigeistigere Form der Religion pflegten, waren die Berührungsängste zu anderen Religonen geringer als bei den Sunniten.

In diese Tradition gehört auch Pir Sulatn Abdal. Der Dichter, dessen genaue
Lebensdaten bis heute nicht gesichert sind, beteiligte sich an einem gegen den Sultan gerichteten Aufstand der "KIZILBAS's" (Rotschöpfe), wie man die Aleviten nach ihrer Kopfbedeckung nannte,. Er wurde danach von dem Gouverneur von Sivas (HIZIR PASCHA) ins Gefängnis geworfen, zum Tode verurteilt und schliesslich durch erhängen hingerichtet. Die heutigen islamisch-konservativen Kreise in der Türkei sehen in Pir Sultan's Werk, sofern sie Literatur schätzen, vor allem die mystisch-religiösen Elemente, während Liberale und Linke sein politisches Engagement und die aus dem antinomistischen, gegen das Gesetz gerichteten Islam gespeiste religiöse Toleranz verehren. In diesem Jahrhundert haben die Aleviten, die zwischen 20 und 25% der türkischen Bevölkerung ausmachen, immer die demokratischen Bewegungen der Türkei unterstützt und sich gegen ein "Zurück zur Schariat" gewandt, wie es fundamentalistischen Kreisen vorschwebt.