Die Erwartungen von Aleviten an Atatürks Reformen wurden enttäuscht. Zwar wurde die Türkische Republik gegründet, und das Kalifat ebenso abgeschafft wie die islamische Gerichtsbarkeit (şseriat), aber die Aleviten wurde weder zu Lebzeiten Atatürks noch später als eigenständige Glaubensgemeinschaft anerkannt.

Der Staat richtete zur Kontrolle aller religiösen Aktivitäten im Land 1924 das „Ministerium für religiöse Angelegenheiten“ ein. Religion und Staat wurden also nicht getrennt, sondern die Religion wurde dem Staat untergeordnet. Als islamische Religion erkannte das Ministerium jedoch nur den sunnitischen Islam an. Andere religiöse Traditionen, wie das Alevitentum wurden der Fiktion der nationalen Einheit und Gleichheit geopfert. Damit wurde das Alevitentum faktisch illegalisiert. Der Bektaşsi-Orden wurde 1925 aufgelöst.

Seit Beginn der achtziger Jahre gewann der sunnitische Islam erneut an politischer Bedeutung in der Türkei und wurde von verschiedenen Parteien für ihre Zwecke instrumentalisiert. Das Ministerium für religiöse Angelegenheiten begann, in allen Landesteilen Moscheen zu bauen und sunnitische Schule einzurichten. Auch in alevitische Regionen wurden sunnitische Prediger geschickt, die dort den Bau von Moscheen überwachten und ihre Lehre verbreiteten. In allem Schulen ist seit 1982 der Religionsunterricht Pflichtfach- gelehrt wird natürlich nur die sunnitische Religion. Lehrbücher verbreiten falsche Informationen und Vorurteile über Aleviten. Die Aleviten sehen sich einer staatlichen Sunnitisierung ausgesetzt.

Die neue Religionspolitik förderte in der türkischen Gesellschaft die Ausgrenzung Andersgläubiger. Immer häufiger wurden in der Öffentlichkeit Menschen alevitischer Herkunft angegriffen, die z.B. während des Ramadan nicht fasteten oder sich nicht „islamisch“ kleideten. Die Liberalität der Aleviten, besonders ihre Ablehnung religiöser Kleidungsvorschriften z. B. des Kopftuchzwangs, macht sie in der Öffentlichkeit leicht erkennbar und damit zur Zielscheibe islamitischer Angriffe.

Der Druck dieser Sunnitisierung bewirkte seit Ende der achtziger Jahre bei vielen Aleviten das Gegenteil des politischen Zieles. Immer mehr Aleviten begannen nun, nicht mehr ihre Identität zu verbergen, sondern sich offen zum Alevitentum zu bekennen und sich wieder verstärkt der alevitischen Religion zuzuwenden. Eine Fülle alevitischer Bücher und Zeitschriften wurden publiziert, in denen die alevitische Lehre verbreitet und gleichzeitig das Alevitentum als liberales Gegengewicht zum Islamismus betont wurde.

Der Druck der Diskriminierung und Verfolgung wurde dadurch aber nicht geringer. Am 2. Juli 1993 wurde eine alevitische Kulturveranstaltung im Gedenken an den Pir Sultan Abdal in einem Hotel in der Stadt Sivas von einem Mob unter der Führung des islamitischen Bürgermeisters der Stadt angegriffen, wobei 37 Menschen ums Leben kamen. Bis heute ist das Alevitentum in der Türkei „illegal“. Nicht einmal Verein ,deren Namen das Wort „alevitisch“ enthält, dürfen gegründet werden, obwohl die türkischen Staatsmänner wie z. B. Süleyman Demirel und Ecevit in den letzten Jahren an die Veranstaltungen in Hacibektas teil, die von Aleviten zum Andacht für Haci Bektas Veli, den Gründer des heutigen Alevitentums organisiert werden. .